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Bibelimpulse

Das Evangelium nach Johannes

Das Johannesevangelium ist das jüngste Evangelium unseres Kanons. Es folgt nicht der Darstellung des Markus, sondern hat eine ganz eigene Art vom Messias Jesus zu erzählen. Johannes fokussiert seine Erzählung vom Messias Jesus auf dessen Verherrlichung am Kreuz der Römer. Im Namen des Gesetzes wird er gekreuzigt, „weil er sich als Sohn Gottes ausgegeben hat“ (19,7). Als „Sohn Gottes“ steht er gegen den Kaiser, der für sich in Anspruch nimmt, „Sohn Gottes“ zu sein. Dem von Rom Verurteilten gibt Gott in der Auferweckung des Gekreuzigten Recht und bestätigt seinen Messias, der den Weg der Solidarität bis zum Kreuz gegangen ist als den „Weg und die Wahrheit und das Leben“ (14,6). Ohne diese Solidarität kommt niemand zum Vater (vgl. 14,7).
Welche Anstöße kann dieses Evangelium uns heute geben der kapitalistischen Weltordnung, die bis an die Grenzen der Erde herrscht, zu widerstehen und an den Wegen der Befreiung festzuhalten?         

Aufgrund der Corona-Pandemie werden die einzelnen Abschnitten als Hörbeiträge bereit gestellt. Außerdem haben Sie die Möglichkeit sich mit einer kurzen E-Mail an alexander.just(at)bistum-trier.de in den Verteiler aufnehmen zu lassen. Damit erhalten zusätzlich die Textfassung und können mit anderen Interessierten in den Austausch treten.

Autor: Dekanatsreferent Alexander Just

In Zusammenarbeit mit der Katholischen Familienbildungsstätte Andernach und dem Ökumenischen Netz Rhein-Mosel-Saar

 

  • Teil 12: Auslegung zu Joh 5,1-18

    Teil 12, Joh 5,1-18

     

    „Danach war ein Fest der Juden...“ (5,1)

    Mit dieser Formulierung schließt Johannes etwas abrupt an die Erzählung von der Heilung des Sohnes des königlichen Beamten (4,46-54) an. Den neuen Erzählfaden, den Johannes damit einleitet, bilden Feste der Juden:

     

    - ein nicht näher bestimmtes Fest (5,1-48),

    - die Nähe des Paschafestes, zu dessen Anlass Johannes von der Brotvermehrung erzählt, an die er eine deutende Rede Jesu anschließt (6,1-71).

    - das Laubhüttenfest, an dem ein heftiger Streit zwischen Jesus und den führenden Juden um die Frage nach seiner Messianität ausgefochten wird (7,1-10,21), und

    - das Fest der Tempelweihe, in dessen Zusammenhang Johannes von der Auferweckung des Lazarus erzählt und der Konflikt zwischen Jesus und den führenden Juden auf Jesu Hinrichtung am Kreuz der Römer zu eskalieren beginnt.

     

    In den Konflikten, die sich um die Feste ranken, wird um die Frage gestritten, ob Jesus der Messias sein kann. Aus der Sicht des Johannes weigern sich die führenden Juden Jesus als Messias für Israel anzuerkennen. Doch lassen wir Johannes selbst zu Wort kommen:

     

    5,1 Danach war ein Fest der Juden und Jesus ging hinauf nach Jerusalem. 2 In Jerusalem gibt es beim Schaftor einen Teich, zu dem fünf Säulenhallen gehören; dieser Teich heißt auf Hebräisch Betesda. 3-4 In diesen Hallen lagen viele Kranke, darunter Blinde, Lahme und Verkrüppelte. 5 Dort lag auch ein Mann, der schon achtunddreißig Jahre krank war. 6 Als Jesus ihn dort liegen sah und erkannte, dass er schon lange krank war, fragte er ihn: Willst du gesund werden? 7 Der Kranke antwortete ihm: Herr, ich habe keinen Menschen, der mich, sobald das Wasser aufwallt, in den Teich trägt. Während ich mich hinschleppe, steigt schon ein anderer vor mir hinein. 8 Da sagte Jesus zu ihm: Steh auf, nimm deine Liege und geh! 9 Sofort wurde der Mann gesund, nahm seine Liege und ging. Dieser Tag war aber ein Sabbat. 10 Da sagten die Juden zu dem Geheilten: Es ist Sabbat, du darfst deine Liege nicht tragen. 11 Er erwiderte ihnen: Der mich gesund gemacht hat, sagte zu mir: Nimm deine Liege und geh! 12 Sie fragten ihn: Wer ist denn der Mensch, der zu dir gesagt hat: Nimm deine Liege und geh? 13 Der Geheilte wusste aber nicht, wer es war. Jesus war nämlich weggegangen, weil dort eine große Menschenmenge zugegen war. 14 Danach traf ihn Jesus im Tempel und sagte zu ihm: Sieh, du bist gesund geworden; sündige nicht mehr, damit dir nicht noch Schlimmeres zustößt! 15 Der Mann ging fort und teilte den Juden mit, dass es Jesus war, der ihn gesund gemacht hatte. 16 Daraufhin verfolgten die Juden Jesus, weil er das an einem Sabbat getan hatte. 17 Jesus aber entgegnete ihnen: Mein Vater wirkt bis jetzt und auch ich wirke. 18 Darum suchten die Juden noch mehr, ihn zu töten, weil er nicht nur den Sabbat brach, sondern auch Gott seinen Vater nannte und sich damit Gott gleichmachte.

     

    Danach war ein Fest der Juden und Jesus ging hinauf nach Jerusalem. (5,1)

    Im Unterschied zu den anderen Festen, von denen Johannes erzählt, dass Jesus nach Jerusalem hinaufzieht, bleibt dieses Fest unbestimmt. Wir können jedoch davon ausgehen, dass es sich um ein Wallfahrtsfest handelt, an dem Juden nach Jerusalem hinauf ziehen. Für die folgende Erzählung von der Heilung eines Gelähmten und die sich daran entzündenden Auseinandersetzung ist entscheidend, dass dieses Fest an einem Sabbat stattfindet.

    Er ist – wie generell die Feste – dadurch charakterisiert, dass er eine Unterbrechung im Ablauf der Zeit darstellt. An den normalen Tagen – im Lateinischen und in der Liturgie werden sie ‚dies feriae‘, wilde bzw. freie Tage im Ablauf der Zeit genannt – gehen Menschen ihren unterschiedlichen Tätigkeiten nach. Diese Abläufe sind durch ‚feste Zeiten‘, also durch Feste unterbrochen. Die Unterbrechung erinnert daran, dass Gott am siebten Tag, dem Sabbat, ruhte und ihn dadurch heiligte (Gen 2,1ff). Zugleich heißt es „Am siebten Tag vollendete Gott das Werk, das er gemacht hatte.“ Kann aber eine Schöpfung schon ‚vollendet‘ sein, in der es Arme und Kranke, Krüppel und Gelähmte gibt? In welcher Beziehung stehen ‚Ruhe‘ und ‚Vollendung‘? Darüber wird nach der Heilung des Gelähmten am Sabbat gestritten werden.

     

    In Jerusalem gibt es beim Schaftor einen Teich, zu dem fünf Säulenhallen gehören; dieser Teich heißt auf Hebräisch Betesda. (5,2)

    Der Teich „ist ein Tauchbad am alten Schafstor“, das nach Nehemia 3 „vor mehr als 450 Jahren errichtet wurde“[1]. Die fünf Säulenhallen könntenfür die fünf Bücher der Tora stehen. „Der Legende nach sollte ein himmlischer Bote das Wasser verwirbeln und der erste Kranke, der dann ins Wasser geht, sollte geheilt werden.“[2]

    Warum Johannes den Hinweis auf den hebräischen Namen Betesda, das man mit Haus der Barmherzigkeit übersetzen kann, eingefügt hat, ist nicht eindeutig zu klären. Vielleicht um zu unterstreichen, was nun geschieht.

     

    In diesen Hallen lagen viele Kranke, darunter Blinde, Lahme und Verkrüppelte. 5 Dort lag auch ein Mann, der schon achtunddreißig Jahre krank war. (5,3-5)

    In den Säulenhallen lagen viele dauerhaft Kranke, denen kein Arzt helfen konnte, die sich daher Heilung durch das Bad erhofften. Die Szenerie erinnert an Jes 35,5f, wo es heißt:

    „Dann werden die Augen der Blinden aufgetan und die Ohren der Tauben werden geöffnet. Dann springt der Lahme wie ein Hirsch und die Zunge des Stummen frohlockt...“

    Das Lied, aus dem diese Verse zitiert sind, besingt die Befreiung Israels aus Fremdherrschaft. Gott kommt seinem Volk als Befreier und Retter entgegen. Dann wird Israel aufgerichtet. Die „schlaffen Hände“ werden gestärkt und die „wankenden Knie“ gefestigt (35,3). Zu den „Verzagten“ wird gesagt: „Seid stark, fürchtet euch nicht!“ (35,4). Wenn im Umfeld Jesu bzw. der messianischen Gemeinden Menschen die Augen aufgingen, die Ohren sich der Botschaft vom Reich Gottes öffneten, Verstummte begannen zu reden und Gelähmte aus ihrer Lähmung befreit wurden, wurde dies als Anfang der messianischen Zeit und Jesus als Messias interpretiert.

    Aus der Menge der Krankenwird nun ein Mann herausgegriffen, der schon achtunddreißig Jahre krank war. Die Zahl 38 taucht im ersten Testament nur einmal auf und zwar in Dtn 2,14. Mose hatte Kundschafter ausgeschickt, um das Land in Augenschein zu nehmen. „Nach ihrer Rückkehr rieten sie dem Volk, dorthin nicht weiterzugehen, weil die Verhältnisse im Land einen Einzug und ein Leben nach der Tora dort nicht erlauben würden: ‚Riesen haben wir dort gesehen‘, (Dtn 1,28). Das ganze Projekt sei von Anfang an faul gewesen so die Kundschafter: ‚Aus Haß hat der NAME uns weggeführt aus dem Land Ägypten, um uns in die Hand des Amoriters zu geben und uns zu vernichten.‘

    „Die Folge: Niederlage und Stagnation im wahrsten Sinne des Wortes, achtunddreizig Jahre lang wird sich Israel im Kreise drehen. Dann kommt die Wende“[3]. In Dtn 2,1-13 heißt es:

     

    „Dann wendeten wir uns der Wüste zu, brachen auf und nahmen den Weg zum Roten Meer, wie es der HERR mir befohlen hatte. Wir zogen lange Zeit am Gebirge Seïr entlang. Dann sagte der HERR zu mir: Ihr seid jetzt lange genug an diesem Gebirge entlanggezogen. Wendet euch jetzt nach Norden!“ (Dtn 2,1-3)

    „Und jetzt steht auf und überquert das Tal des Sered! Da überquerten wir das Tal des Sered. Die Zeit, die wir von Kadesch-Barnea an gewandert waren, bis wir das Tal des Sered überquerten, betrug achtunddreißig Jahre. So lange dauerte es, bis die Generation der waffenfähigen Männer vollständig ausgestorben war, sodass sich keiner von ihnen mehr im Lager befand, wie es ihnen der HERR geschworen hatte.“ (Dtn 2,13f)

     

    Israel war vom Anblick der Riesen gelähmt. Die Hindernisse, die nach dem Übergang über den Jordan zu überwinden waren, schienen ‚riesig‘. Sie waren so übermächtig, dass Israel sich nicht vorstellen konnten, im Land der ‚Riesen‘ als von Gott befreites Volk zu leben. Damit aber wäre die Befreiung aus Ägypten gescheitert und die Verheißung von Israels Gott verraten. Diese Situation lähmte und lies Israel perspektivlos um sich selbst kreisen und in die Irre gehen. Sie wird durch ein Wort Gottes unterbrochen, dessen Kern die Aufforderung ist: „Und jetzt steht auf...“ (Dtn 2,13).

     

    Mit dem Hinweis auf die 38jährige Lähmung des Mannes stellt Johannes eine Beziehung her zwischen der Lähmung, unter der Israel zurzeit der Römer, vor allem nach der Zerstörung Jerusalems zu leiden hatte. Unter diesen Verhältnissen schien es aussichtslos, als befreites Volk nach den Weisungen der Tora zu leben. Israel war ‚gelähmt‘. Unter der Herrschaft Roms konnte es nur in die Irre gehen, d.h. Gottes Wege und Weisungen zur Befreiung verfehlen. Es brauchte eine Initiative, mit der die Lähmung sich lösen konnte. Einer wie damals Mose… Johannes sieht denjenigen, der von Gott gesandt ist, um Israels Lähmung unter der Herrschaft Roms zu lösen, in dem Messias Jesus.

     

    Als Jesus ihn dort liegen sah und erkannte, dass er schon lange krank war, fragte er ihn: Willst du gesund werden? Der Kranke antwortete ihm: Herr, ich habe keinen Menschen, der mich, sobald das Wasser aufwallt, in den Teich trägt. Während ich mich hinschleppe, steigt schon ein anderer vor mir hinein. (5,6f)

    Jesus erkennt die Situation des Kranken. Er ist gelähmt und dazu noch ohne Hilfe. Aus eigener Kraft kommt er nicht auf die Beine. Den rettenden Teich kann er nicht als erster erreichen. Jesus lässt sich von ihm und seiner aussichtslosen Lage berühren. Er hört seinen stummen Schrei. Jesu Frage ermutigt den Kranken, seine aussichtslose Lage in Worte zu fassen.

     

    Da sagte Jesus zu ihm: Steh auf, nimm deine Liege und geh! Sofort wurde der Mann gesund, nahm seine Liege und ging. Dieser Tag war aber ein Sabbat. (5,8f)

    Vor dem Hintergrund der 38jährigen Lähmung ist die Heilung des Gelähmten transparent für die Heilung Israels durch den Messias. Der Messias richtet Israel auf, so dass es aufstehen, seine Liege in die Hand nehmen und gehen kann. Die Zeit des Daniederliegens ist vorbei. Israel hat wieder festen Boden unter den Füssen, so dass es gehen kann. Das mit gehen übersetzte griechische Wort meint, gehen (einhergehen, wandeln) nach Gottes Weisungen auf Wegen der Befreiung.

    Nach den 38 Jahren, in denen Israel am „Gebirge Seir entlangzog“ (Dtn 2,1) bzw. um sich selbst kreisend in die Irre gegangen war, hatte Mose im Auftrag Gottes das erlösende Wort: „Und jetzt steh auf…“ (Dtn 2,13) gesprochen. So spricht nun der Messias, in dem Gottes Wort „Fleisch geworden“ ist und „unter uns gewohnt hat“ (Joh 1,14) angesichts der Lähmung Israels durch die ‚riesige‘ Macht Roms das befreiende Wort: „Steh auf...“

    Und das Wort geschieht – wie wir aus Gen 1 wissen oder wie Jesaja als Spruch Gottes sagt: „Es kehrt nicht leer zu mir zurück, ohne zu bewirken, was ich will, und das zu erreichen, wozu ich es ausgesandt habe“ (Jes 55,11b). Genau das geschieht in der Heilung des Gelähmten: „Sofort wurde der Mann gesund, nahm seine Liege und ging.“ Weil das Fest ein Wallfahrtsfest war und Jesu den Mann im Tempel wieder trifft, können wir davon ausgehen, dass er zum Tempel ging, also sofort damit anfing auf den Wegen der Tora zu gehen.

    Das Problem, an dem sich der nun folgende Streit entzündet, steckt in der Aussage, die Johannes gleichsam nachschiebt: „Dieser Tag aber war ein Sabbat.“  

     

    Da sagten die Juden zu dem Geheilten: Es ist Sabbat, du darfst deine Liege nicht tragen. Er erwiderte ihnen: Der mich gesund gemacht hat, sagte zu mir: Nimm deine Liege und geh! Sie fragten ihn: Wer ist denn der Mensch, der zu dir gesagt hat: Nimm deine Liege und geh? Der Geheilte wusste aber nicht, wer es war. Jesus war nämlich weggegangen, weil dort eine große Menschenmenge zugegen war. (5,10-13)

    Der Sabbat ist Anlass dafür dass, „die Juden“, genauer gesagt die ‚führenden Juden‘, die als Behörde agieren, die Bühne der Erzählung betreten. Sie überprüfen die Einhaltung des Sabbatgebots.

    Biblisch findet sich dieses Verbot in den Zehn Geboten (Ex 20,8ff, Dtn 5,12ff). Eine für unsere Stelle besonders deutliche Ausformulierung hat es in Jer 17,21f. gefunden: „So spricht der HERR: Hütet euch um eures Lebens willen, am Tag des Sabbat eine Last zu tragen… Vielmehr sollt ihr den Tag des Sabbats heiligen...“[4] Zur Heiligung des Sabbats gehört es – so wird hier eingeschärft – keine „Last zu tragen“.

    Genau das aber geschieht in der Szene, mehr noch: Dass der Geheilte aufstehen und gleichsam die Last seiner Lähmung in die Hand nehmen kann, ist Ausdruck seiner Heilung und als ‚Zeichen und Wunder‘ zu verstehen.

    Entsprechen antwortet der Mann: „Der mich gesund gemacht hat, sagte zu mir: Nimm deine Liege und geh!“ Er wusste nicht, wer Jesus war, aber er erkannte in seinem rettenden und befreienden Handeln Gottes Autorität. Daran hängt Jesu Autorität. Er gewinnt sie dadurch, dass er den Gelähmten gesund gemacht hat. Wer heilen kann, der kann auch sagen: Trage deine Liege, selbst wenn Sabbat ist. Wer Israel aus seiner Lähmung befreit, in ihm wirkt Gottes Autorität. In der Autorität Gottes führt der Messias den Weg der Befreiung weiter.

     

    Danach traf ihn Jesus im Tempel und sagte zu ihm: Sieh, du bist gesund geworden; sündige nicht mehr, damit dir nicht noch Schlimmeres zustößt! (5,14)

    Jesus findet den Gelähmten im Tempel. Es gibt keine zufälligen Begegnungen im Johannesevangelium. Wie er zunächst seine Jünger und dann auch Natanael gefunden hatte (Joh 1,43ff), so findet er nun den Geheiltem im Tempel. Jesus spricht zu ihm, erinnert ihn an seine Rettung und ermahnt ihn: „sündige nicht mehr, damit dir nicht noch Schlimmeres zustößt“. Die Heilung am Sabbat ist der Anlass, Jesus zu verfolgen (vgl. V. 16). Vor diesem Hintergrund dürfte das „noch Schlimmere“, die schlimmste Verirrung, sein, Jesus zu töten (vgl. Joh 7,31ff). Wer dies betreibt, gehört nicht mehr zu den „Kindern Abrahams“ (7,39); denn: „So hat Abraham nicht gehandelt“ (Joh 7,40). Vor solcher Verirrung soll sich der ‚behördlich‘ befragte Gelähmte hüten. Von denen also, die letztlich den Tod Jesu betreiben, soll Israel sich nicht in die Irre führen und lähmen lassen.

     

    Der Mann ging fort und teilte den Juden mit, dass es Jesus war, der ihn gesund gemacht hatte. 16 Daraufhin verfolgten die Juden Jesus, weil er das an einem Sabbat getan hatte. (5,15-16)

    Die Mitteilung an die ‚Behörde‘ und die damit einsetzende Verfolgung Jesus unterstreicht zugleich die Gefahren, in denen sich der Geheilte befindet. Die Verfolgung kann auch auf ihn überspringen und dann lauert die Gefahr, mit der Behörde auch im Blick auf Jesu Tötung zu kooperieren. Damit ist nichts über seinen weiteren Weg gesagt, er verschwindet nun genauso spurlos wie vorher Nikodemus (vgl. Joh 3,1-21). Jedenfalls haben die führenden Juden nach der Identifizierung Jesu als den, der Israels Lähmung überwindet und damit widerständig gegen Roms Herrschaft macht, einen Grund Jesus zu verfolgen. Sie wollen schließlich Israel ‚ruhig‘ und ‚lahm‘ halten angesichts der Herrschaft Roms. Wie nach der Begegnung mit Nikodemus beginnt Jesus in Vers 20 eine Rede, die zwar veranlasst ist durch die Begegnung mit dem Gelähmten, die aber ohne Gesprächspartner auskommt. Doch zuvor wird der Dissens noch einmal auf den Punkt gebracht.

     

    Jesus aber entgegnete ihnen: Mein Vater wirkt bis jetzt und auch ich wirke. (5,17)

    Gottes ‚Ruhe‘ am Sabbat ist offensichtlich nicht wirkungslos. In Gen 2,1 steckt dies darin, dass ‚Vollenden‘ und ‚Ruhen‘ zusammen kommen, wenn es heißt: Gott „vollendete“ sein Werk und er „ruhte … nachdem er sein ganzes Werk gemacht hatte“. Sprachlich wird unterschieden zwischen ‚vollenden‘ und ‚machen‘. Das Werk ist gemacht, aber noch nicht vollendet. Daher muss Gott weiter ‚wirken‘. Das gilt in zweifacher Hinsicht: Wenn Gott Schöpfer und Erhalter des Lebens ist, muss er auch am Sabbat ‚wirken‘, wenn sein Werk nicht zusammen brechen soll. Zum zweiten ist dasWerk noch nicht vollendet. Denn sonst wäre die in Gerechtigkeit und Frieden vollendete Ruhe des Sabbats bereits Wirklichkeit. Die Herrschaft der Römer dementiert aber geradezu die Vollendung der Schöpfung. „Schabbat ist erst, wenn alle Werke getan sind, wenn alle Menschen heil sind und sie endlich das sind, was sie sind: Ebenbild Gottes.“[5] Die Menschen unter der Herrschaft Roms sind gerade nicht Ebenbild Gottes, sie müssen es erst werden, in dem sie befreit werden aus der Knechtschaft Roms. So wie der Vater in der Geschichte Israels immer wieder Befreiung bewirkt hat und wirkt, so wirkt auch Jesus. Genau darin zeigt sich seine Einheit mit dem Vater – ohne dass Jesus mit ihm verschmilzt. Der Vater bleibt der Sendende und der Sohn der Gesandte.

     

    Darum suchten die Juden noch mehr, ihn zu töten, weil er nicht nur den Sabbat brach, sondern auch Gott seinen Vater nannte und sich damit Gott gleichmachte. (5,18)

    Für die führenden Juden ist diese Einheit im Wirken Gotteslästerung. Für sie bedeutet solche Einheit, dass Jesus sich „Gott gleichmachte“. Es geht aber nicht um die Vergottung bzw. Vergötzung Jesu. Das behauptet auch nicht die Formel des Konzils von Chalcedon, wenn es darin heißt Jesus sei wahrer Mensch und wahrer Gott.

    Dies gilt gerade nicht in einer identitären Identifikation, nach der Jesus gleich Gott zu setzen wäre, sondern „unvermischt und ungetrennt“, d.h. Gott und Mensch in Jesus dürfen weder vermischt noch voneinander getrennt werden. Damit wird es möglich – wie es ja seinen Niederschlag in der Trinitätslehre gefunden hat –, die Relation von Vater und Sohn zu denken, sowohl – ontologisch – den Vater als den ursprunglosen Ursprung des Sohnes jenseits der Zeit, der in der Zeit Mensch geworden ist – eben ‚wahrer Mensch und nicht ein menschlich verkleideter Gott als auch heilsgeschichtlich in der Spur des Johannes als Einheit zwischen Vater und Sohn, die in ihrem gemeinsamen Wirken zur Geltung kommt. Im Zusammenhang dieser Einheit im Wirken steht der Sohn in einer Beziehung, einer Relation zum Vater, nach der er der Beauftragte und Gesandte des Vaters ist, in dessen Wirken genau das ‚geschieht‘, was Inhalt des Gottesnamens ist.

    Schöpfung und Befreiung verdanken sich des schöpferischen und rettenden Wortes Gottes.

     

    Die führenden Juden suchen nun Jesus nicht wegen eines abstrakten Anspruchs zu töten, sondern wegen des Inhaltes seines Wirkens, das auf Befreiung auch von der Herrschaft Roms zielt und den Anspruch erhebt, genau in diesem Wirken eins mit Israels Gott der Befreiung zu sein. Die konfliktreiche auf Jesu Hinrichtung zielende Auseinandersetzung darum, zieht sich von nun an mit zunehmender Schärfe durch den weiteren Erzählfaden unseres Evangeliums und wird in der Heilung des Blindgeboren (Joh 9) und in der Auferweckung des Lazarus (Joh 11) samt deren tödlichen Folgen seinen Höhepunkt erreichen.

     

    Die Botschaft von der Heilung des Gelähmten (Israel) führt uns schmerzlich vor Augen, dass wir uns nicht selbst retten können. Es braucht das rettende Wort Gottes, das wir nicht erzwingen können. Für uns von der Aufklärung verseuchte Menschen, die sich als Selber-Denker und -Macher verstehen, ist das mal wieder schwer zu verdauen, vielleicht sogar eine narzisstische Kränkung. Obwohl die aufgeklärte Geschichte des Kapitalismus an den Rand lähmenden Wahns und gähnenden Abgrunds führt, scheint es keine Irritation und Unterbrechung des Denkens und Machens in der vernichtenden Logik des Kapitalismus zu geben. Statt dieser Logik des Todes zu vertrauen, käme es für messianische Gemeinden auch heute darauf an, sich dem Wort, das in der Geschichte Israels und in seinem Messias geschieht und geschehen will, anzuvertrauen, neu – wie Karl Rahner es genannt hat – „Hörer (und Innen) des Wortes“ zu werden, sich der Selbstmitteilung Gottes, dem Primat seiner alle geschlossene Immanenz öffnenden Gnade anzuvertrauen und genau dies in kritischem Denken und Widerstand gegen einen katastrophischen Kapitalismus zur Geltung zu bringen, dessen Herrschaft gerade in ihrem Zerbrechen mit einer wahnhaften Selbst- und Weltvernichtung einher zu gehen droht.

     

     

    Zusammengestellt von

    Alexander Just

     


    [1] Ton Veerkamp, Der Abschied des Messias. Eine Auslegung des Johannesevangeliums, I. Teil: Johannes 1,1-10,21, Texte und Kontexte Nr. 109-111, 2006, 96. [Veerkamp, Abschied]

    [2] Veerkamp, Abschied 96.

    [3] Veerkamp, Abschied 97.

    [4] Vgl. Wengst, Klaus, Das Johannesevangelium. 1. Teilband: Kapitel 1-10, Stuttgart 2000 (Theologischer Kommentar zum Neuen Testament Bd. 4), 187f.

    [5] Veerkamp, Abschied 100.

  • Teil 11: Auslegung zu Joh 4,43-54

    Teil 11: Auslegung zu Joh 4,43-54

    Die ersten Verse unserer Perikope erzählen von Jesu Rückkehr nach Galiläa und seiner freundlichen Aufnahme durch die Galiläer (V. 43f). Die folgenden Verse rücken in „Kana in Gäliläa“ (V. 46) ein weiteres Zeichen Jesu, die Heilung des Sohnes eines königlichen Beamten in den Mittelpunkt (VV. 46-54).

    43 Nach diesen beiden Tagen ging er von dort nach Galiläa. 44 Jesus selbst hatte nämlich bezeugt: Ein Prophet wird in seiner eigenen Heimat nicht geehrt. 45 Als er nun nach Galiläa kam, nahmen ihn die Galiläer auf, weil sie alles gesehen hatten, was er in Jerusalem auf dem Fest getan hatte; denn auch sie waren zum Fest gekommen. 46 Jesus kam wieder nach Kana in Galiläa, wo er das Wasser in Wein verwandelt hatte. In Kafarnaum lebte ein königlicher Beamter; dessen Sohn war krank. 47 Als er hörte, dass Jesus von Judäa nach Galiläa gekommen war, suchte er ihn auf und bat ihn, herabzukommen und seinen Sohn zu heilen; denn er lag im Sterben. 48 Da sagte Jesus zu ihm: Wenn ihr nicht Zeichen und Wunder seht, glaubt ihr nicht. 49 Der Beamte bat ihn: Herr, komm herab, ehe mein Kind stirbt! 50 Jesus erwiderte ihm: Geh, dein Sohn lebt! Der Mann glaubte dem Wort, das Jesus zu ihm gesagt hatte, und machte sich auf den Weg. 51 Noch während er hinabging, kamen ihm seine Diener entgegen und sagten: Dein Junge lebt. 52 Da fragte er sie genau nach der Stunde, in der die Besserung eingetreten war. Sie antworteten: Gestern in der siebten Stunde ist das Fieber von ihm gewichen. 53 Da erkannte der Vater, dass es genau zu der Stunde war, als Jesus zu ihm gesagt hatte: Dein Sohn lebt. Und er wurde gläubig mit seinem ganzen Haus. 54 So tat Jesus sein zweites Zeichen, nachdem er von Judäa nach Galiläa gekommen war.

    Nach diesen beiden Tagen ging er von dort nach Galiläa. Jesus selbst hatte nämlich bezeugt: Ein Prophet wird in seiner eigenen Heimat nicht geehrt. 45 Als er nun nach Galiläa kam, nahmen ihn die Galiläer auf, weil sie alles gesehen hatten, was er in Jerusalem auf dem Fest getan hatte; denn auch sie waren zum Fest gekommen. (4,43ff)

    Nachdem Jesus zwei Tage bei den Menschen in Samarien geblieben, sie gelehrt und zum Glauben geführt hatte, „ging er von dort nach Galiläa“. Irritierend wirkt die Begründung, Jesus habe bezeugt, ein Prophet werde „in seiner Heimatstadt nicht geehrt“. Vielen ist dieser Satz aus den Zusammenhängen der synoptischen Evangelien vertraut. Dort stößt Jesus in seiner Heimatstadt Nazareth in Galiläa auf Ablehnung (Mt 13,54-58, Mk 6,1-5, Lk 4,24-30). Johannes aber erzählt das Gegenteil: Jesus wird in Galiläa aufgenommen (V. 45). Der scheinbare Gegensatz klärt sich, wenn wir – entsprechend der Erzählung des Johannes – davon ausgehen, dass im Evangelium des Johannes nicht Nazareth, sondern Jerusalem die ‚Heimat‘ Jesu ist. Dort steht „das Haus meines Vaters“ (2,16). Nach Jerusalem pilgert Jesus immer wieder zu den Festtagen. So war er nach der Hochzeit zu „Kana in Galiläa“ (2,1-12) zum „Paschafest der Juden … nach Jerusalem“ hinaufgezogen (2,1ff). Dort hatte er den Tempel gereinigt mit der Begründung: „… macht das Haus meines Vaters nicht zu einer Markthalle“ (2,16). Jerusalem – das macht bereits der erste Weg Jesu nach Jerusalem – deutlich ist der Ort, wo er „in sein Eigentum“ kommt, aber die „Seinen nahmen ihn nicht auf“ (1,11). Vielmehr betrieben die Hohepriester in Kooperation mit Rom seine Hinrichtung.In Jerusalem wird Jesus nicht geehrt, in Galiläa hingegen aufgenommen – und zwar weil Galiläer, die auch zum Paschafest gekommen waren, gesehen hatten, „was er in Jerusalem und auf dem Fest getan hatte“ (V. 44). Jesus ehren bedeutet, ihn als den aufnehmen, in dessen Worten und Taten geschieht, was der Name von Israels Gott beinhaltet. In diesem Sinn wird er in Galiläa aufgenommen, in seiner ‚Heimat‘ Jerusalem aber abgelehnt und hingerichtet.

    Jesus kam wieder nach Kana in Galiläa, wo er das Wasser in Wein verwandelt hatte. (4,45f)

    Johannes ruft mit dem Hinweis auf das Weinwunder Jesu erstes, d.h. sein grundlegendes, sein primäres Zeichen in Erinnerung. Das Hochzeitsfest, auf dem dieses Zeichen geschieht, steht dafür, dass Gott und sein Volk zusammenkommen. Dem dient – so interpretiert es Johannes – die Sendung Jesu, Gottes Volk nach der Zerstörung Jerusalems neu zu sammeln und aufzurichten. Das ist die Hochzeit Gottes mit seinem Volk.

    In Kafarnaum lebte ein königlicher Beamter; dessen Sohn krank war. Als er hörte, dass Jesus von Judäa nach Galiläa gekommen war, suchte er ihn auf und bat ihn, herabzukommen und seinen Sohn zu heilen; denn er lag im Sterben. (4,46f)

    Nachdem Johannes die prinzipielle Orientierung, auf die alle Zeichen Jesu ausgerichtet sind, deutlich gemacht hat, tritt nun „ein königlicher Beamter“ auf. Er steht im Dienst eines von Rom eingesetzten Königs wie wir ihn als Herodes kennen. Solche ‚Beamte‘ werden aus der Bevölkerung Israels rekrutiert, die sie nun im Dienst ihres Herren bzw. Roms ausbeuten und drangsalieren. Insofern geht es in unserer Erzählung um die Sammlung eines der verlorenen Söhne Israels. Das wird noch einmal dadurch unterstrichen, dass der Kranke, der im Sterben lag, der Sohn des königlichen Beamten ist. Der Akzent den Johannes setzt, wird im Unterschied zu den ähnlichen Geschichten deutlich, die Matthäus (8,5-13) und Lukas (7,1-10) erzählen. Statt um einen Heiden, der sich als „königlicher Beamter“ bei einem römischen Vasallenkönig verdingt, und seinen kranken Diener, geht es bei Johannes um einen verlorenen Juden und seinen Sohn. Der königliche Beamte lässt an Nikodemus denken, der, auch aus dem Kreis der führenden Juden, nachts zu Jesus gekommen war, beeindruckt von seinen Worten und Taten, aber nicht überzeugt genug um sich offen mit Jesus sehen zu lassen und nach seiner nächtlichen Begegnung mit Jesus zunächst einmal spurlos verschwindet.

    Da sagte Jesus zu ihm: Wenn ihr nicht Zeichen und Wunder seht, glaubt ihr nicht. (4,48)

    Dieser Satz Jesu wird missverstanden, wenn er nach dem Schema von äußerlich Sichtbarem und dem unsichtbaren Inneren gedeutet wird. Dann bleiben die „Zeichen und Wunder“ äußerlich während der Glaube innerlich und unsichtbar bleibt. Das ‚Eigentliche‘ und ‚Wahre‘ bleibt unsichtbar und verzichtet auf ‚Äußerlichkeiten‘. Diese moderne Sicht einer privatisierten Innerlichkeit ist immer wieder gegen ‚die Juden‘ gewendet worden, die im ‚Äußerlichen‘ stecken bleiben, und die vermeintlich Tiefe Innerlichkeit des Glaubens ignorieren.

    Die Stärke jüdischen Denkens liegt aber genau darin, dass es der Wirklichkeit des Lebens und der Geschichte treu bleibt, statt sich in Innerlichkeit und Erbaulichkeit zu flüchten, die von den ‚äußeren‘ Katastrophen unberührt bleiben.

    In einer solchen Katastrophe steckte Israel nach der Zerstörung Jerusalems und des Tempels sowie der Zerstreuung über weite Teile des römischen Reiches. Von Befreiung war da nichts mehr zu sehen. Genau dafür aber steht die Formulierung „Zeichen und Wunder“. Gemeint sind die „Zeichen und Wunder“, unter denen Gott sein Volk aus dem Sklavenhaus Ägyptens geführt hat (vgl. Dtn 4,34). Sie stehen dafür, dass Befreiung in der geschichtlichen Wirklichkeit erfahren werden kann.

    Die Wirklichkeit, der die Gemeinde des Johannes ausgesetzt war, ist davon weit entfernt. „Zeichen und Wunder“ werden vermisst. Und wo Befreiung nicht real erfahren wird, kann es sie wohl auch nicht geben. Wenn der Glaube an Jesus nicht in Erfahrungen der Befreiung ‚sichtbar‘ werden kann, ist er nichtig. Die Flucht in fromme Innerlichkeit wird zum frommen Selbstbetrug.

    Dtn 4,9 mahnt Israel: „Vergiss nicht die Ereignisse, die du mit eigenen Augen gesehen, und die Worte, die du gehört hast! Lass sie dein Leben lang nicht aus dem Sinn! Präge sie deinen Kindern und Kindeskindern ein!“ Es gibt offensichtlich Zeiten, in denen „Zeichen und Wunder“ als Wirklichkeit der Befreiung nicht sichtbar sind. Aber auch dann verschwinden sie nicht in der Innerlichkeit, sondern bleiben als reale Ereignisse im Gedächtnis lebendig. Dann aber kann der Blick für „Zeichen und Wunder“ offen bleiben, die unter anderen Verhältnissen neu gesehen werden können.

    Es ist also keine Kritik Jesu, sondern eine nüchterne Feststellung, dass die Menschen ohne Zeichen und Wunder Jesu Wort nicht gläubig annehmen können.

    Herr, komm herab, ehe mein Kind stirbt! (4,48)

    Obwohl in der scheinbaren Unendlichkeit der römischen Herrschaft kein Zeichen der Befreiung zu sehen ist, setzt der „königliche Beamte“ sein Vertrauen auf den Messias Jesus. Die Erinnerung Israels weiß um Zeiten, in denen Gott und die Wirklichkeit der mit dem Gottesnamen verheißenen Befreiung fern war. „Zeichen für uns sehen wir nicht, es ist kein Prophet mehr da, niemand mehr ist bei uns, der weiß, wie lange noch. Wie lange, Gott, darf der Bedränger noch schmähen, da der Feind für immer deinen Namen lästern?“ heißt es in Psalm 74,9f. Auch in Zeiten, in denen „Zeichen und Wunder“ nicht zu sehen waren, hat Israel nicht von seinem Gott gelassen, sondern mit ihm gerungen, ihn mit seinen Schreien nicht in Ruhe gelassen und „Zeichen und Wunder“ der Befreiung eingefordert. Darin ist das Vertrauen lebendig geblieben, das den „königlichen Beamten“ zu der Bitte veranlasst: „Herr, komm herab, ehe mein Kind stirbt!“

    Jesus erwiderte ihm: Geh, dein Sohn lebt! (4,50)

    Jesus begibt sich nicht nach Kafarnaum, um den Sohn zu retten. In Jesu Wort ist die schöpferische Macht des Wortes Gottes lebendig. Von ihm sagt Jesaja: „Es kehrt nicht leer zu mir zurück, ohne zu bewirken, was ich will, und das zu erreichen wozu ich es ausgesandt habe“ (Jes 55,11).

    Der Mann glaubte dem Wort, das Jesus zu ihm gesagt hatte, und machte sich auf den Weg. Noch während er hinabging, kamen ihm seine Diener entgegen und sagten: Dein Junge lebt. (4,50f)

    Der Mensch“, so heißt es griechisch an dieser Stelle, vertraute dem Wort (logos). Er eilt auf Jesu Zusage hin zurück und kann sich auf das Wort verlassen. Dass der Messias vor dem Tod bewahrt, kann er als ein Zeichen verstehen, das dem vom Tod gezeichneten Israel gilt; denn in dem Sohn des königlichen Beamten, ist ganz Israel als Sohn Gottes gegenwärtig. Der Messias Jesus lässt es nicht den Tod unter der Herrschaft Roms sterben, sondern sammelt es neu, richte es auf für die Hochzeit, bei der Israel und sein Gott wieder zusammen finden. Insofern sind das erste und das zweite Zeichen, das Jesus tut, miteinander verbunden.

    Da fragte er sie genau nach der Stunde, in der die Besserung eingetreten war. Sie antworteten: Gestern in der siebten Stunde ist das Fieber von ihm gewichen. Da erkannte der Vater, dass es genau zu der Stunde war, als Jesus zu ihm gesagt hatte: Dein Sohn lebt. Und er wurde gläubig mit seinem ganzen Haus. (4,52f)

    Die „Stunde“ ist die Stunde der Rettung und Befreiung. Jesu Stunde ist jene Stunde, in der sein Leben der Solidarität bis zur letzten Konsequenz vollendet ist und er seinen Geist seinem Vater übergibt (19,30). Es ist der Geist, den die JüngerInnen an Ostern empfangen und in dessen Kraft sie gesandt werden. In der Kraft des von Gott aus dem Tod aufgerichteten sollen sie in der Nachfolge Jesu Israel sammeln und aufrichten. Sie können darauf vertrauen, dass Israels Gott in der Auferweckung des Gekreuzigten der Macht Roms widersprochen und sie wenigstens in diesem einen gebrochen hat.

    In diesem Vertrauen eröffnet sich ein neuer Blick auf „Zeichen und Wunder“ der Befreiung, die in und um den Messias Jesus überall da neu geschehen, wo das am Boden liegende und vom Tod bedrohte Israel gesammelt und als Gottes Volk aufgerichtet wird. Solche „Zeichen und Wunder“ können gesehen werden, weil der Geist Gottes als Beistand die Worte und Taten Jesu in Erinnerung ruft. Jesus hatte ihn versprochen „als Beistand …, den der Vater in meinem Namen senden wird, der euch an alles erinnern wird, was ich euch gesagt habe“ (14,26).

    Der „königliche Beamte“ hatte gleichsam auf „Vorschuss“ vertraut1. Aus der Perspektive von Ostern und in der erinnernden Kraft des Geistes, lässt sich in der Befreiung, die er erfahren hat, eines der „Zeichen und Wunder“ erkennen, die mit dem Messias Jesus Wirklichkeit werden.

    Er und sein ganzes Haus, Frau, Kinder, Gesinde, vertrauen, weil alle gesehen haben, dass das Wort geschieht.“2 Der Glaube ist nicht innerlich. Er wird wirklich, verändert die Wirklichkeit. Und das kann gesehen werden. Zeichen und Wunder sind dem Glauben nicht äußerlich. Er wird nur dann wirklich, wenn er auch in der ‚äußeren‘ Wirklichkeit als „Zeichen und Wunder“ sichtbar wird.

    So tat Jesus sein zweites Zeichen, nachdem er von Judäa nach Galiläa gekommen war. (4,54)

    Dieser kurze Abschlusssatz bündelt das Geschehen noch einmal. Jesu erstes und zweites Zeichen sind untrennbar miteinander verbunden. Das Fest der messianischen Hochzeit Gottes mit seinem Volk ist damit verbunden, dass das Volk aus dem drohenden Tod aufgerichtet wird. „Alle Zeichen, die in Israel, Jehuda, Jeruschalajim und im Galil geschehen, können und müssen auf die zwei Zeichen 2,1ff und 4,46ff zurückgeführt werden.

    Mit diesen zwei Zeichen, der messianischen Hochzeit und der Belebung des Sohnes, ist das Fundament für das Kommende gelegt. Hier – und so – wurde der Messias ‚offenbar‘“.3

    1 Ton Veerkamp, Der Abschied des Messias. Eine Auslegung des Johannesevangeliums I. Teil: Johannes 1,1-10,21, in: Texte & Kontexte. Exegetische Zeitschrift Nr. 109-111, 29. Jahrgang 1-3/2006, 93. [Veerkamp, Abschied]

    2 Veerkamp, Abschied 93.

    3 Veerkamp, Abschied 93.

     

  • Teil 10: Auslegung zu Joh 4,27-42 „Meine Speise ist es, den Willen dessen zu tun, der mich gesandt hat, und sein Werk zu vollenden“

    Teil 10: Auslegung zu Joh 4,27-42 „Meine Speise ist es, den Willen dessen zu tun, der mich gesandt hat, und sein Werk zu vollenden“

    Zum Anschluss unserer Perikope an das Gespräch Jesu mit der Frau aus Samaria (4,1-25)

    Das Gespräch Jesu mit der samaritanischen Frau hat zur Frage nach dem Messias geführt. Entsprechend der jüdischen Tradition formuliert die Frau: „Ich weiß, dass der Messias kommt…“ (4,25). Darüber hinaus nun soll sie zu der Erkenntnis kommen, dass er schon da ist – und zwar in dem, der mit ihr spricht. Er ist gekommen, um Israel, das nach der Zerstörung Jerusalems am Boden liegt und nun über das ganze Reich verstreut ist, aufzurichten und wieder neu zu Gottes Volk zu sammeln. Der Gesprächszusammenhang wird nun durch die Rückkehr der Jünger unterbrochen. Sie kommen aus der Stadt, in die sie gegangen waren, „um etwas zum Essen zu kaufen“ (4,8).

    27 Inzwischen waren seine Jünger zurückgekommen. Sie wunderten sich, dass er mit einer Frau sprach, doch keiner sagte: Was suchst du? oder: Was redest du mit ihr? 28 Die Frau ließ ihren Wasserkrug stehen, kehrte zurück in die Stadt und sagte zu den Leuten: 29 Kommt her, seht, da ist ein Mensch, der mir alles gesagt hat, was ich getan habe: Ist er vielleicht der Christus? 30 Da gingen sie aus der Stadt heraus und kamen zu ihm. 31 Währenddessen baten ihn seine Jünger: Rabbi, iss! 32 Er aber sagte zu ihnen: Ich habe eine Speise zu essen, die ihr nicht kennt. 33 Da sagten die Jünger zueinander: Hat ihm jemand etwas zu essen gebracht? 34 Jesus sprach zu ihnen: Meine Speise ist es, den Willen dessen zu tun, der mich gesandt hat, und sein Werk zu vollenden. 35 Sagt ihr nicht: Noch vier Monate dauert es bis zur Ernte? Sieh, ich sage euch: Erhebt eure Augen und seht, dass die Felder schon weiß sind zur Ernte! 36 Schon empfängt der Schnitter seinen Lohn und sammelt Frucht für das ewige Leben, sodass sich der Sämann und der Schnitter gemeinsam freuen. 37 Denn hier hat das Sprichwort recht: Einer sät und ein anderer erntet. 38 Ich habe euch gesandt zu ernten, wofür ihr euch nicht abgemüht habt; andere haben sich abgemüht und euch ist ihre Mühe zugutegekommen. 39 Aus jener Stadt kamen viele Samariter zum Glauben an Jesus auf das Wort der Frau hin, die bezeugt hatte: Er hat mir alles gesagt, was ich getan habe. 40 Als die Samariter zu ihm kamen, baten sie ihn, bei ihnen zu bleiben; und er blieb dort zwei Tage. 41 Und noch viel mehr Leute kamen zum Glauben an ihn aufgrund seiner eigenen Worte. 42 Und zu der Frau sagten sie: Nicht mehr aufgrund deiner Rede glauben wir, denn wir haben selbst gehört und wissen: Er ist wirklich der Retter der Welt.

    Sie wunderten sich, dass er mit einer Frau sprach, doch keiner sagte: Was suchst du? Oder: Was redest du mit ihr? (Vers 27)

    Die Verwunderung darüber, dass Jesus mit einer Frau spricht, dürfte eine Reaktion auf Tendenzen in den messianischen Gemeinden sein, führende Rollen von Frauen zurück zu drängen. Dagegen betont Johannes die Bedeutung von Frauen in der Gestalt der Maria Magdalena, die zur ersten Verkünderin der Botschaft von der Auferweckung des gekreuzigten Messias wird (20,11-18). Analog dazu wird die Samaritanerin zur Verkünderin des Messias als „Retter der Welt“ (V. 42) werden. Die in unserer Szene als männlich vorzustellende Jünger repräsentieren diejenigen, die eher skeptisch sind gegenüber führenden Frauen in der Gemeinde; sie wagen aber nicht sich mit kritischen Nachfragen dagegen zu stellen.

    Die Frau ließ ihren Wasserkrug stehen, kehrte zurück in die Stadt und sagte zu den Leuten: Kommt her, seht, da ist ein Mensch, der mir alles gesagt hat, was ich getan habe: Ist er vielleicht der Christus? Da gingen sie aus der Stadt heraus und kamen zu ihm.“ (Verse 28-30)

    In einem Atemzug werden zwei Vorgänge erzählt: Die Frau lässt den Wasserkrug stehen und kehrt in die Stadt zurück. Mit dem Wasserkrug lässt sie ihr altes Leben zurück: Verhältnisse, in denen sie dazu ‚verurteilt‘ ist, in der heißen Mittagszeit Mengen an Wasser herbei zu schleppen, ebenso wie die Abhängigkeit von ihrem Mann im Zusammenhang von Zwängen, sich an Männer binden zu müssen, um überleben zu können. In der Stadt ‚muss‘ sie erzählen, was und wer ihr begegnet ist. Dabei beginnt sie, von Jesus als dem Messias Zeugnis zu geben. Ihr Zeugnis formuliert sie zunächst zögerlich, fragend: Ist er vielleicht der Christus? Nachdenklich ist sie geworden, weil ihr in Jesus ein Mensch begegnet ist, der ihr alles gesagt hat, was sie getan hat. Wer von der traditionellen kirchlichen Ehemoral geprägt ist, wird daran denken, dass Jesus um die Sünde des Ehebruchs gewusst habe. Das aber hat mit unserem Text nichts zu tun. Jesus hat ihr nicht Verfehlungen vorgehalten, sondern ist ihr als einer begegnet, der einen klaren Blick für ihr Leid und ihre Abhängigkeiten hatte. Dadurch, dass Jesus ihre elendige Existenz erkannt und sie davon befreit hat, ist er ihr Retter geworden. Dass muss sie den „Leuten“ in der Stadt erzählen. Er ist ihr so begegnet, wie sie es von Israels Gott kennt, von dem in den Schriften erzählt wird, dass er die Schreie der Versklavten hört und einen Befreier sendet sie aus der Sklaverei zu befreien (Ex 2,23 – 3,17).

    Ihre Aufforderung: „Kommt her, seht…“ greift Jesu Wort an Andreas und Petrus auf, mit dem er sie zur Nachfolge einlädt (1,39) ebenso wie Jesu Wort an Natanael (1,46), den er, bevor er ihn rief, bereits „unter dem Feigenbaum gesehen“ (1,48) hatte. Mit der Aufforderung, zu kommen und zu sehen, beginnt die Frau die Botschaft von Jesus als dem Messias zu verbreiten, obwohl sie noch unsicher fragt: „Ist er vielleicht der Christus?“ Und tatsächlich die Leute kommen und wollen sehen. Sie „gingen aus der Stadt heraus und kamen zu ihm.“ Das verstreute Israel beginnt sich um seinen Messias zu sammeln.

    Indessen kommen die Jüngerinnen und Jünger zurück, die den müden Meister am Brunnen zurück gelassen hatten, um ihm etwas zu essen zu kaufen. Sie fordern ihn auf, zu essen und sich zu stärken. Doch Jesus antwortet ihnen:

    Ich habe eine Speise zu essen, die ihr nicht kennt. (Vers 32)

    Die Jünger, die das Gespräch Jesu mit der Frau nicht mitbekommen haben, verstehen zunächst nicht, was gemeint ist. Sie spekulieren, ob sie vielleicht Jesus „etwas zu essen gebracht“ (V. 33) habe. Während die samaritanische Frau auf dem Weg ist, Jesus als den Messias zu erkennen und was dies bedeutet, bleiben die Jünger auf der Ebene der Phänomene stehen. Sie erkennen nicht, dass das reale Brot zugleich ein Zeichen für etwas sein kann, das nicht unmittelbar sichtbar ist. Deshalb muss Jesus sie ‚belehren‘:

    Meine Speise ist es, den Willen dessen zu tun, der mich gesandt hat, und sein Werk zu vollenden. (Vers 34)

    In dieser ‚Belehrung‘ knüpft Jesus an das an, was Israel vertraut ist bzw. sein müsste. Israel lebt von der Tora. Sie ist Brot für Israel; denn Gott hat Israel auf dem Weg durch die Wüste erkennen lassen, „dass der Mensch von allem lebt, was der Mund des Herrn spricht“ (Dtn 8,3). Die Tora ist auch die Speise, von der der Messias lebt. Sie ist eine Speise, die getan werden muss. Das bedeutet für den Messias Gottes Werk der Befreiung „zu vollenden“, zu einem guten Ende zu führen. Dieses gute Ende aber führt über die Hinrichtung am Kreuz der Römer. Hier ist „alles vollbracht“ (19,28.30). Es ist „vollbracht“, weil Jesus in der Stunde seines Todes dem Vater den Geist „übergab“ – wie inzwischen auch die Neue Einheitsübersetzung formuliert. Alles, was er „vollbracht“ hat, sein ganzes Leben übergibt er dem Vater.

    Es ist sein Leben, das bis in den Tod solidarisch, eins war mit dem Vater (10,30) und in der Solidarität mit Israel eins war mit den „Seinen, die in der Welt waren, … bis zur Vollendung“ (13,1). Im „Werk“ des Messias ist Israels Gott gegenwärtig und solidarisch mit denen, die in der Welt sind und unter der herrschenden Weltordnung leiden und nach Rettung schreien. In ihm führt er sein Werk zur Vollendung, zu einem guten Ende. Dieses ist die Rettung des Messias aus der Macht Roms in der Auferweckung des Gekreuzigten. Darin gründet die Hoffnung auf die Rettung aller, die „in der Welt“ unter der Gewalt von Herrschenden und Systemen der Herrschaft zu leiden haben.

    Jetzt, da Israel am Boden liegt und zerstreut ist, ist die Zeit reif, das Werk zu tun, Israel aufzurichten und zu sammeln, solidarisch zu sein mit Israel. Wie damals nach der Zerstörung Jerusalems durch Babylon muss Israel, Gottes zerstreute Herde, neu gesammelt werden (Jer 31,10f). Das zentrale Werk Gottes ist die Befreiung aus Ägypten. Er hat es weitergeführt in der Befreiung aus Babylon. Nun führt der Messias es weiter in der Sammlung Israels nach seiner Zerstreuung durch den Krieg der Römer. An seinem Kreuz kommt es durch Gottes rettende Solidarität mit dem Messias zur Vollendung. Im Vorgriff der Hoffnung auf die darin gründende Rettung aller ist die Zeit jetzt reif zur Ernte:

    Sagt ihr nicht: Noch vier Monate dauert es bis zur Ernte? Sieh, ich sage euch: Erhebt eure Augen und seht, dass die Felder schon weiß sind zur Ernte! Schon empfängt der Schnitter seinen Lohn und sammelt Frucht für das ewige Leben, sodass sich der Sämann und der Schnitter gemeinsam freuen. Denn hier hat das Sprichwort recht: Einer sät und ein anderer erntet. Ich habe euch gesandt zu ernten, wofür ihr euch nicht abgemüht habt; andere haben sich abgemüht und euch ist ihre Mühe zugutegekommen. (Verse 35-38)

    Die Ernte besteht darin, „Frucht für das ewige Leben“ zu sammeln. Gemeint ist nicht einfach das ‚Jenseits‘, sondern eine neue Zeit, in der Menschen befreit von Herrschaft, von Verhältnissen der Unter- und Überordnung befreit in Solidarität miteinander leben und spüren können, dass dies Bestand hat über den Tod, der von den Römern droht und über jeden Tod.

    Das Sprichwort von Saat und Ernte, das Jesus zitiert, steht in Kontrast zu aus der Schrift vertrauten Worten, in denen es oft heißt, wer sät, soll auch ernten. Wer nicht sät und doch erntet, sind Fremdherrscher oder Reiche und Mächtige in Israel, die andere für sich schuften lassen, aber die Ernte einkassieren. Bleiben Saat und Ernte in einer Hand, ist das Ausdruck befreiten Lebens. Jesus greift dieses Bild auf und führt es in einen anderen Zusammenhang. Die Jüngerinnen und Jünger leben von dem Wort, von der Tora und den Propheten, also von dem, was andere ausgestreut und gesät haben.

    Als messianische Gemeinde leben sie zugleich von der Treue Gottes zu seinem Messias, der ihn aus der Gewalt Roms gerettet hat und darin von der Hoffnung, dass diese Rettung auch ihr und ganz Israel und darin allen Menschen gilt, die als „die versprengten Kinder Gottes“ (11,52) gesammelt werden sollen. Dafür hat Jesus sein Leben eingesetzt, dafür „sollte“ er „sterben“ (11,51).

    Das was durch das vollendete Werk des Messias, in dem Israels Gott als Retter am Werk ist, gesät worden ist, soll geerntet werden. Deshalb können „sich der Sämann und der Schnitter gemeinsam freuen“ (V. 36). Geerntet werden kann das ‚ewige Leben‘, das jetzt schon in gelebter Solidarität zum Durchbruch kommt, die Hoffnung, dass Gott der gegen Rom das ‚letzte Wort‘ behalten hat wie es in der Auferweckung des Messias zum Ausdruck kommt, auch gegenüber seinen „versprengten Kindern“ erweisen wird, dass er das ‚letzte Wort‘ behält.

    Aus jener Stadt kamen viele Samariter zum Glauben an Jesus auf das Wort der Frau hin, die bezeugt hatte: Er hat mir alles gesagt, was ich getan habe. (Vers 39)

    Mit dem Wort der Frau hat die Sammlung der „versprengten Kinder Gottes in Samaria begonnen. Sie hat Zeugnis gegeben vom Messias, der ihr Elend gesehen hat, wie Gott das Elend der in Ägypten versklavten gesehen hat.

    Als die Samariter zu ihm kamen, baten sie ihn, bei ihnen zu bleiben; und er blieb dort zwei Tage. (Vers 40)

    Der Messias soll nun bei den Samaritanern bleiben. Johannes spricht oft vom ‚Bleiben‘, wenn es ihm darum geht, angesichts der Bedrohungen durch Rom nicht der messianischen Gemeinde den Rücken zu kehren, sondern solidarisch zu sein und zu ‚bleiben‘, in Jesu Wort (10,31) und in seiner Liebe, d.h. in seiner Solidarität (15,9), die in der Liebe zueinander und der Solidarität untereinander gelebt wird (15,12). Darin beinhalten das Bleiben zugleich festbleiben, durchhalten, der Macht des Imperiums solidarisch standhalten. Nur so kann ‚ewiges Leben‘ einen ‚Standort‘ haben ‚in der Welt‘ unter der Herrschaft des Imperiums.

    „Und er blieb dort zwei Tage“ erzählt Johannes. „Zwei Tage“ sind jene Tage, die auf einen größeren dritten Tag ausgerichtet sind: im engeren Zusammenhang auf die Auferweckung des Jungen eines königlichen Beamten in Kafarnaum (4,46-54) als Jesu „zweites Zeichen“ (4,54). Das erste Zeichen – die Verwandlung von Wasser in Wein auf der messianischen Hochzeit (2,1-12) – fand am „dritten Tag“ (2,1) nach der Berufung der ersten Jünger (1,35ff) statt. Nachdem Jesus sich zwei Tage im Transjordanland aufgehalten hatte, kommt es zur Auferweckung des Lazarus (11). Und schließlich: Drei Tage nach Jesu Tod wird Jesus auferweckt und erscheint seinen Jüngern (20).

    Und noch viel mehr Leute kamen zum Glauben an ihn aufgrund seiner eigenen Worte. Und zu der Frau sagten sie: Nicht mehr aufgrund deiner Rede glauben wir, denn wir haben selbst gehört und wissen: Er ist wirklich der Retter der Welt. (Verse 41 und 42)

    Die Frau hat Menschen aus Samaria zu Jesus geführt. Es kommen „noch vielmehr Leute zum Glauben nun aber „aufgrund seiner eigenen Worte“. Sie haben nun selbst gehört und wissen: „Er ist wirklich der Retter der Welt.“

    Dieses Bekenntnis zu dem von Rom gekreuzigten Messias beinhaltet den Bruch der Loyalität mit dem römischen Imperium, in dem der Kaiser als „Retter der Welt“, d.h. des römischen Reiches gepriesen wird. Dem setzt das Bekenntnis der „Leute“ entgegen: Retter kann nur Israels Gott als Befreier von Herrschaft sein – einer Befreiung wie sie im Messias Jesus am Werk ist und in denen, die seinen Weg gehen.

     

  • Teil 9: Auslegung zu Joh 4,1-30 „Ich bin es, der mit dir spricht“

    Teil 9: Auslegung zu Joh 4,1-30 „Ich bin es, der mit dir spricht“ (Joh 4, 20)

    Das dritte Kapital des Evangeliums nach Johannes schließt mit einem letzten Zeugnis des Täufers für Jesus. Jetzt rückt Jesu Wirken in den Mittelpunkt der Erzählung. Der Ort der Handlung verlagert sich zunächst von Judäa nach Galiläa. Der Weg dorthin führt durch Samarien. Auf diesem Weg begegnet Jesus einer samaritanischen Frau. Von dieser Begegnung erzählt der nächste Abschnitt unseres Evangeliums.

    1 Jesus erfuhr, dass die Pharisäer gehört hatten, er gewinne und taufe mehr Jünger als Johannes – 2 allerdings taufte nicht Jesus selbst, sondern seine Jünger – ; 3 daraufhin verließ er Judäa und ging wieder nach Galiläa. 4 Er musste aber den Weg durch Samarien nehmen. 5 So kam er zu einer Stadt in Samarien, die Sychar hieß und nahe bei dem Grundstück lag, das Jakob seinem Sohn Josef vermacht hatte. 6 Dort befand sich der Jakobsbrunnen. Jesus war müde von der Reise und setzte sich daher an den Brunnen; es war um die sechste Stunde. 7 Da kam eine Frau aus Samarien, um Wasser zu schöpfen. Jesus sagte zu ihr: Gib mir zu trinken! 8 Seine Jünger waren nämlich in die Stadt gegangen, um etwas zum Essen zu kaufen. 9 Die Samariterin sagte zu ihm: Wie kannst du als Jude mich, eine Samariterin, um etwas zu trinken bitten? Die Juden verkehren nämlich nicht mit den Samaritern. 10 Jesus antwortete ihr: Wenn du wüsstest, worin die Gabe Gottes besteht und wer es ist, der zu dir sagt: Gib mir zu trinken!, dann hättest du ihn gebeten und er hätte dir lebendiges Wasser gegeben. 11 Sie sagte zu ihm: Herr, du hast kein Schöpfgefäß und der Brunnen ist tief; woher hast du also das lebendige Wasser? 12 Bist du etwa größer als unser Vater Jakob, der uns den Brunnen gegeben und selbst daraus getrunken hat, wie seine Söhne und seine Herden? 13 Jesus antwortete ihr: Wer von diesem Wasser trinkt, wird wieder Durst bekommen; 14 wer aber von dem Wasser trinkt, das ich ihm geben werde, wird niemals mehr Durst haben; vielmehr wird das Wasser, das ich ihm gebe, in ihm zu einer Quelle werden, deren Wasser ins ewige Leben fließt. 15 Da sagte die Frau zu ihm: Herr, gib mir dieses Wasser, damit ich keinen Durst mehr habe und nicht mehr hierherkommen muss, um Wasser zu schöpfen! 16 Er sagte zu ihr: Geh, ruf deinen Mann und komm wieder her! 17 Die Frau antwortete: Ich habe keinen Mann. Jesus sagte zu ihr: Du hast richtig gesagt: Ich habe keinen Mann. 18 Denn fünf Männer hast du gehabt und der, den du jetzt hast, ist nicht dein Mann. Damit hast du die Wahrheit gesagt. 19 Die Frau sagte zu ihm: Herr, ich sehe, dass du ein Prophet bist. 20 Unsere Väter haben auf diesem Berg Gott angebetet; ihr aber sagt, in Jerusalem sei die Stätte, wo man anbeten muss. [1] 21 Jesus sprach zu ihr: Glaube mir, Frau, die Stunde kommt, zu der ihr weder auf diesem Berg noch in Jerusalem den Vater anbeten werdet. 22 Ihr betet an, was ihr nicht kennt, wir beten an, was wir kennen; denn das Heil kommt von den Juden. 23 Aber die Stunde kommt und sie ist schon da, zu der die wahren Beter den Vater anbeten werden im Geist und in der Wahrheit; denn so will der Vater angebetet werden. 24 Gott ist Geist und alle, die ihn anbeten, müssen im Geist und in der Wahrheit anbeten. 25 Die Frau sagte zu ihm: Ich weiß, dass der Messias kommt, der Christus heißt. Wenn er kommt, wird er uns alles verkünden. 26 Da sagte Jesus zu ihr: Ich bin es, der mit dir spricht. 27 Inzwischen waren seine Jünger zurückgekommen. Sie wunderten sich, dass er mit einer Frau sprach, doch keiner sagte: Was suchst du? oder: Was redest du mit ihr? 28 Die Frau ließ ihren Wasserkrug stehen, kehrte zurück in die Stadt und sagte zu den Leuten: 29 Kommt her, seht, da ist ein Mensch, der mir alles gesagt hat, was ich getan habe: Ist er vielleicht der Christus? 30 Da gingen sie aus der Stadt heraus und kamen zu ihm.

    „Jesus erfuhr, dass die Pharisäer gehört hatten, er gewinne und taufe mehr Jünger als Johannes“ (Vers 1)

    Johannes erzählt nicht wie lange Jesus in Judäa gewirkt hat, aber er benennt den Grund, warum er zurück nach Galiläa geht. Die Pharisäer haben mitbekommen, dass Jesus mehr Schülerinnen und Schüler um sich sammelte als Johannes. Dieser hatte bereits die Aufmerksamkeit der „Juden von Jerusalem“ (1,19) auf sich gezogen. Sie hatten „Priester und Leviten“ geschickt, um nach ‚dem Rechten‘ zu sehen. Wenn Jesus nach dem Eindruck der Pharisäer noch mehr Jünger „gewinne und taufe“ gerät er immer mehr in die Schusslinie. Dies spiegelt natürlich nicht die historische Situation Jesu und des Täufers wider, sondern entspricht der Zeit des Evangelisten Johannes, in der die Pharisäer nach der Zerstörung des Tempels und der Vertreibung der Juden aus Jerusalem zur stärksten jüdischen Gruppe geworden waren.

    „ … allerdings taufte nicht Jesus selbst, sondern seine Jünger“ (Vers 2)

    Johannes korrigiert mit dieser Bemerkung die Aussage, die er selbst in 3,22 gemacht hatte, nämlich dass Jesus selbst getauft habe. Nun heißt es, nicht er, sondern seine Jünger hätten getauft. Was hinter dem Gegensatz steckt, ist schwer zu klären: War in manchen Gegenden und Kreisen das Taufen umstritten? War die Taufe des Johannes von der Taufe Jesu nur schwer zu unterscheiden, rückte die messianische Gemeinde zu nahe an den Täufer, der ja nach Johannes ‚nur‘ Zeuge des Messias ist?

    „Er musste aber den Weg durch Samarien nehmen.“ (Vers 4)

    Jesus zieht also auf dem schnellsten Weg von Judäa nach Galiläa und kommt daher zwangsläufig durch das Gebiet Samarien. Mit der Bemerkung „er musste“ könnte nach Klaus Wengst darauf angespielt sein, dass der „Weg durch Samarien“ kein ‚Zufall‘ sondern Teil der Sendung Jesu ist, ganz Israel zu sammeln. Samarien war ein der jüdischen Tradition abgesondertes Gebiet. Dies kommt auch darin zum Ausdruck, dass, nachdem das Königtum mit der Unterwerfung unter Babylon sein Ende gefunden hatte, die Bücher Josua, Richter, Samuel und Könige als von der Geschichte des ganzen Volkes Israel erzählen, um eine Besinnung auf die eigene Tradition zu ermöglichen. In den später entstehenden Büchern der Chronik geht es nur noch um Judäa, also um das ehemalige Südreich, während der Norden mehr und mehr aus dem Blick gerät. Die ‚Trennung‘ zwischen Nord und Süd, die darin zum Ausdruck kommt, hat historische Gründe. Klaus Wengst erklärt dies im Blick auf die Rolle Samariens so:

    „Die besondere Entwicklung Samariens gegenüber Judäa hat einerseits ihre Wurzeln in der imperialen assyrischen Politik, die in den zu Provinzen gemachten eroberten Gebieten durch Deportationen Mischbevölkerungen schuf – so auch in Samarien als dem Kernland des ehemaligen Nordreiches Israels nach dessen Zerstörung im Jahr 722 v. Chr. Zu einer akuten Trennung kam es aber erst in der frühen nachexilischen Zeit, als führende Jerusalemer Kreise beim Bau des Tempels und der Mauer Jerusalems die Bewohner Samariens von der Mitarbeit ausschlossen und sich von ihnen abgrenzten. Das führte … (unter Rückgriff auf Dtn 11 und 27 und Jos 8) mit Erlaubnis eines Satrapen Alexanders des Großen schließlich zum Bau eines eigenen Heiligtums der Samariter auf dem Berg Garisim bei Sichem. Die Samariter haben wie die Juden die Tora, die fünf Bücher Mose, als heilige Schrift; die weitere Entwicklung des Judentums, in der auch ‚die Propheten‘ und ‚die Schriften‘ kanonische Autorität gewannen, teilten sie nicht. Von der Makkabäerzeit an ‚tritt an die Stelle eines gemeinsamen Traditionsfundus gegenseitige Polemik‘. Die Feindseligkeiten erreichten ihren Höhepunkt, als Johannes Hyrkanos 129/128 v. Chr. den Tempel auf dem Berg Garisim zerstört. Wahrscheinlich 109 v. Chr. fügte er der Stadt Sichem dasselbe Schicksal zu. Auf der anderen Seite erzählt Josephus, dass – wahrscheinlich im Jahre 9 n. Chr. – Samariter im ganzen Tempelbereich in Jerusalem menschliche Knochen verstreuten, nachdem zu Beginn des Pessachfestes gewohnheitsgemäß kurz nach Mitternacht die Tempeltore geöffnet worden waren. Die Voraussetzungen für ein sehr gespanntes Verhältnis zwischen Juden und Samaritern auch im 1. Jh. n. Chr. und danach waren also gegeben. Dennoch darf man nicht von durchgehender Feindschaft ausgehen.“ Dennoch „ist es von den genannten Voraussetzungen her nicht verwunderlich, dass es immer wieder zu verbalen und auch handgreiflichen Auseinandersetzungen kam.“[1]

     

    „So kam er zu einer Stadt in Samarien, die Sychar hieß und nahe bei dem Grundstück lag, das Jakob seinem Sohn Josef vermacht hatte. Dort befand sich der Jakobsbrunnen. Jesus war müde von der Reise und setzte sich daher an den Brunnen“ (Verse 5 und 6)

    Dieser Ort ist für das folgende Geschehen von Bedeutung. Der Name Sychar ruft die Gegend von Sichem in Erinnerung. Sie war ein Geschenk Jakobs an Josef (Gen 48,2). „Darauf rief Jakob seine Söhne“, die Repräsentanten der 12 Stämme Israels zusammen, um sie vor seinem Tod zu segnen (Gen 49,1-27). Nach jüdischen Traditionen war hier auch die Jakobsquelle[2]. Für unseren Zusammenhang ist von Bedeutung, dass der Brunnen nicht vom Regen, sondern vom Grundwasser gespeist wird, also in ihm „lebendiges Wasser“ zu finden ist. An diesem Brunnen sind Jakob und Joseph und mit ihnen der Segen für ganz Israel mit „lebendigem Wasser“ verbunden. Verwurzelt in dieser Tradition begegnet Jesus der samaritanischen Frau. Aus dieser Begegnung wird ein neuer Anfang des Lebens für die Frau und das Verhältnis Samariens zu Israel als Ganzem. Für Israel kann eine neue Zeit beginnen, wenn es von dem „lebendigen Wasser“ trinkt, für das der Messias steht.

    … es war um die sechste Stunde. Da kam eine Frau aus Samarien, um Wasser zu schöpfen. (Verse 6 und 7a)

    Es ist also Mittagszeit. „So naheliegend es ist, dass ein Wanderer sich in der Mittagszeit an einem Brunnen niederlässt und ausruht, so ungewöhnlich ist das Wasserschöpfen um diese Tageszeit durch eine einzelne Frau.“[3] Wasserschöpfen und das Wasser zu dem Ort schleppen, an dem es gebraucht wurde, ist eine harte Tätigkeit, die in der Regel von armen Frauen verrichtet wurde. Solche Tätigkeiten, die ‚auf die Knochen‘ gingen wurden vor Sonnenaufgang verrichtet, nicht in der Mittagshitze.[4]

     Jesus sagte zu ihr: Gib mir zu trinken! (Vers 7b)

    Jesu Begegnung mit der samaritanischen Frau beginnt mit der Bitte: „Gib mir zu trinken!“ Das entspricht zum einen der Situation eines von der Reise müden und durstigen Menschen. Zugleich eröffnet es das sich daran anschließende Gespräch. Jesus hat Durst von der Reise und bittet die Person, die als erstes kommt, ihm zu trinken zu geben, da er selbst kein Schöpfgefäß dabei hat. Die Frau aus Samarien ist jedoch auf der Hut. Sie erkennt Jesus als Juden und weiß um die Situation. Während die JüngerInnen aus der Szene verschwinden, weil sie „in die Stadt gegangen“ waren, „um etwas zu essen zu kaufen“, kommen nun die Probleme im Verhältnis von Juden und Samaritanern zur Sprache. Das Problem:

     Die Juden verkehren nämlich nicht mit den Samaritern. (Vers 9b)

    Diese Erläuterung fügt Johannes noch für die Leserschaft hinzu. Jesus interessiert sich jedoch mehr für die Lebenssituation der Frau. Er will, dass die Menschen schon in ihrem Leben die Erfahrung des „ewigen Lebens“ machen und so Befreiung erfahren können. Daher sagt er:

    Wenn du wüsstest, worin die Gabe Gottes besteht und wer es ist, der zu dir sagt: Gib mir zu trinken!, dann hättest du ihn gebeten und er hätte dir lebendiges Wasser gegeben. (Vers 10)

    Zwischen dem Wissen um die „Gabe Gottes“ und Jesus, der zu der Frau sagt: „Gib mir zu trinken!“ besteht ein enger inhaltlicher Zusammenhang. Die Gabe Gottes ist „lebendiges Wasser“. Es hat in den Traditionen Israels eine zentrale Bedeutung. Sie zieht sich vom Paradies bis zum neuen Jerusalem. Das Paradies hat Gott als bewässerten Garten angelegt (Gen 2,10ff). Die Bewässerung ist die Voraussetzung seiner Fruchtbarkeit. Wenn Israel aus dem babylonischen Exil zurück geht und sich statt am Glanz königlicher Macht, wieder neu an Gottes Gerechtigkeit für die Armen als Grundlage des Zusammenlebens orientiert, gleicht es „einem bewässerten Garten, einer Quelle, deren Wasser nicht trügt“ (Jes  58,11). Israel macht wieder die Erfahrung, die es schon beim Exodus gemacht hatte. Seine „Stärke und sein Lied ist Gott, der HERR. Er wurde“ ihm „zum Heil“ (Jes 12,3). Dann gilt: „Ihr werdet Wasser freudig schöpfen aus den Quellen des Heils … Jauchzt und jubelt ihr Bewohner Zions; denn groß ist in eurer Mitte der Heilige Israels“ (Jes 12,4.6). Nach dem Propheten Jeremia ist das babylonische Exil die Konsequenz davon, dass Israel den Ruhm seines Gottes der Befreiung „gegen unnütze“, Macht und Herrschaft repräsentierende „Götter vertauscht“ (Jer 2,12) hatte. Damit hat es Gott „verlassen, den Quell des lebendigen Wassers“ (Jer 2,13).

    Nach der Zerstörung Jerusalems liegt Israel wieder am Boden. Es ist zersplittert in unterschiedliche Gruppen. In dieser Situation gibt der Messias Jesus, in dem all das gegenwärtig ist, wofür Israels Gott steht, seinem Volk „lebendiges Wasser“ zu trinken, dessen Quelle sein Gott ist, der ihm im Messias Jesus begegnet. Wenn es aus dieser Quelle trinkt, kann es als Gottes Volk wieder neu gesammelt und aufgerichtet werden. Dann hat es Zugang zu einer Quelle, aus der eine neue Weltzeit, die Weltzeit der Befreiung fließt. Es ist die Quelle einer neuen neuen Schöpfung, einen neuen Himmels und einer neuen Erde (0ffb 21). Aus ihr strömt das „Wasser des Lebens“ (Offb 22,1). Von ihm lebt die neue Stadt Jerusalem.

    Von diesem Wasser gibt Jesus seinem Volk zu trinken. Am letzten Tag des Laubhüttenfestes fordert Jesus die zum Fest Versammelten auf: „Wer Durst hat, der komme zu mir und es trinke, wer an mich glaubt! Aus seinem Inneren werden Ströme von lebendigem Wasser fließen“ (Joh 7,37).  Mit der Schrift dürfte auf den Propheten Ezechiel angespielt sein. Er verbindet die Reinigung „von all euren Götzen“ damit, dass Gottes Geist das Innerste des Volkes bestimmt, so dass es wieder den Wegen der Befreiung folgen kann (Ez 36.25ff).

    Bei Jesu Reden vom „lebendigen Wasser“ geht es nicht um die Unterscheidung zwischen realem Wasser und ‚eigentlichem‘ geistigen Wasser. Das „lebendige Wasser“ soll das gesamte Leben durchdringen, es aus einer Zeit der Unterdrückung in eine Zeit der Befreiung, aus einer Zeit des Todes in eine Zeit des Lebens verwandeln.

    Sie sagte zu ihm: Herr, du hast kein Schöpfgefäß und der Brunnen ist tief; woher hast du also das lebendige Wasser? Bist du etwa größer als unser Vater Jakob, der uns den Brunnen gegeben und selbst daraus getrunken hat, wie seine Söhne und seine Herden? (Verse 11 und 12)

    Die Frau führt das Gespräch voller Verständnis weiter. Sie will wissen, woher Jesus „das lebendige Wasser“ hat. Aus dem Brunnen kann er es offensichtlich nicht schöpfen wollen, denn er hat „kein Schöpfgefäß und der Brunnen ist tief“. Ahnungsvoll fragt sie weiter: „Bist du etwa größer als unser Vater Jakob…?“

    Jesus antwortete ihr: Wer von diesem Wasser trinkt, wird wieder Durst bekommen; wer aber von dem Wasser trinkt, das ich ihm geben werde, wird niemals mehr Durst haben; vielmehr wird das Wasser, das ich ihm gebe, in ihm zu einer Quelle werden, deren Wasser ins ewige Leben fließt. (Verse 13 und 14)

    Der antwortende Jesus verbindet zwei Aspekte mit dem Trinken von dem Wasser, das er gibt. Zum einen: Wer davon trinkt „wird niemals mehr Durst haben“. Es geht also nicht um ein Wasser, das nur eine vorübergehende Entlastung verschafft und dann geht es mit der ‚Normalität‘ der knechtenden Verhältnisse weiter. Dieses Wasser zielt auf deren Überwindung. Zum anderen: Dieses Wasser wird „zu einer Quelle werden, deren Wasser ins ewige Leben fließt“. ‚Ewiges Leben‘ ist für Johannes nicht einfach Leben jenseits des Todes, sondern ein Leben, das jetzt schon vorwegnimmt, was jenseits der Grenzen des Todes endgültigen Bestand haben wird. Deshalb verändert das „lebendige Wasser“, das „ins ewige Leben fließt“, jetzt schon das Leben und die Verhältnisse, denen es unterworfen ist.

    Im Blick auf das Leben der Frau gesagt: „Lebendiges Wasser“ soll dazu führen, dass sie nicht immer wieder neu unter der Last ihrer Sklavinnentätigkeit zum Brunnen kommen muss, um Wasser für die ‚Herrschaften‘ herbei zu schleppen. Mit der Sklaverei und der mit ihr verbundenen Schinderei soll es ein Ende haben. Entsprechend bittet die Frau:

    „Herr, gib mir dieses Wasser, damit ich keinen Durst mehr habe und nicht mehr hierherkommen muss, um Wasser zu schöpfen!“ (Vers 15)

    Keinen Durst mehr haben heißt für sie: Ende mit der ganzen Plage der Sklaverei, die sie dazu zwingt, zur Mittagshitze für Wasser zu sorgen. Damit wird ‚ewiges Leben‘ schon vor dem Tod Wirklichkeit. Und so kann die Frau ihren Krug zurück lassen.

    Er sagte zu ihr: Geh, ruf deinen Mann und komm wieder her! Die Frau antwortete: Ich habe keinen Mann. Jesus sagte zu ihr: Du hast richtig gesagt: Ich habe keinen Mann.  Denn fünf Männer hast du gehabt und der, den du jetzt hast, ist nicht dein Mann. Damit hast du die Wahrheit gesagt. (Verse 16 bis 18)

    Mit dem Zurücklassen des Krugs ist der Prozess der Befreiung noch nicht zu Ende. Er geht weiter mit Jesu Aufforderung: „Ruf deinen Mann…“ Es geht nicht darum, das moralische Versagen der Frau darzustellen, damit sie auch das ‚hinter sich lassen‘ kann. Das Thema bleibt weiter die Versklavung unter Fremdherrschaft, jetzt in Gestalt männlicher Fremdherrschaft. Es geht um die sog. Leviratsehe, eine Vorschrift, die Frauen dazu zwang, immer wieder neue Ehe einzugehen, um Männern einen Sohn zu gebären in Fällen, in denen die Frau vor der Geburt eines Sohnes gestorben war. Damit sollte die Erbfolge gesichert werden[5] und zugleich das ‚Weiterleben‘ des Mannes in seinen männlichen Nachkommen. Dass solche ‚Kettenehen‘ von Frauen eingegangen wurden, dürfte auch an dem wirtschaftlichen und sozialen Druck gelegen haben, dem sie ausgesetzt waren, wenn sie ‚ohne Mann‘ überleben wollten. „Diese Lage erzwingt auch … ein nichteheliches Arbeits- und Sexualverhältnis mit einem Mann, der der Frau nicht einmal mehr die gewisse Absicherung durch einen Ehevertrag gibt“[6].

    Ton Veerkamp verweist auf einen möglichen Zusammenhang mit der Geschichte Israels. Wenn man davon ausgeht, dass sich die Frau als Tochter Jakobs versteht, dann kommt die Dimension Samariens wieder ins Spiel. Dann kann man auch fragen, welche Herrscher Samarien gehabt hat. „‘Männer’“, so Ton Veerkamp, „sind in Joh 4 nicht irgendwelche individuellen Gatten, sondern ba´alim, Herrscher, Könige, vor denen das Volk von Schomron sich verneigen mußte, die Könige Assurs und Babels, die Könige Persiens und der Griechen aus dem Süden (Ägypten) und dem Norden (Syrien), die Könige Jehudas, ihre Ordnungen, ihre Götter. Die Frau sagt: ‚Ich habe keinen Mann‘, und das heißt: ‚Ich erkenne die faktische Herrschaft, der wir uns zu beugen haben, nicht an. Ich vergesse nicht mein Volk und nicht das Haus meines Vaters!“[7]

    Unter diesen Königen war die Tora nur eingeschränkt lebbar. „Das Ganze ist jetzt auf die Herrschaft von dem, der ‚kein Mann‘ ist, hinausgelaufen, die Herrschaft Roms; da ist gar keine Tora mehr möglich, weder für die Jehudim, noch für die Schomronim, wie wir hören werden.“[8] Da viele Namen in den Evangelien über die Personen hinausweisen, ist eine solche Lesart sicher nicht vorschnell abzutun.

    Die Frau sagte zu ihm: Herr, ich sehe, dass du ein Prophet bist. (Vers 19)

    Jesus erweist sich für die Frau darin als Prophet, dass er sensibel ist für ihre Leiden, es im Zusammenhang erlittenen Unrechts deutet und ihr mit einer befreienden Perspektive begegnet.

    Unsere Väter haben auf diesem Berg Gott angebetet; ihr aber sagt, in Jerusalem sei die Stätte, wo man anbeten muss.  (Vers 20)  

    Die Frau spricht Jesus auf das an, was sie verbindet: „Unsere Väter“ und der Gott der Väter. Mit ihnen steht in jüdischen Traditionen auch der Berg Gerazim in Verbindung. Nach dem Deuteronomium spricht Mose dort den Segen über das Volk, das in das ‚gelobte Land‘ einzieht (Dtn 11,29; 27,12). In dieser Perspektive kommt die Frau auf das zu sprechen, was Samaritaner und Juden trennt: der Tempel in Jerusalem, an dem Gott angebetet werden soll. Dass sie Jesus als Prophet ansprechen kann, entspricht der gemeinsamen Tradition, das Bestehen auf Jerusalem als Ort der Anbetung trennt Juden und Samaritaner.

    Jesus sprach zu ihr: Glaube mir, Frau, die Stunde kommt, zu der ihr weder auf diesem Berg noch in Jerusalem den Vater anbeten werdet.  (Vers 21)

    Mit der Formulierung „ihr werdet…“ spricht Jesus die Frau als Repräsentantin ihres samaritanischen Volkes an. Die kritische Haltung gegenüber dem Tempel war ja bereits in der Szene von Jesu Tempelreinigung thematisiert worden (Joh 2,13ff). Von daher lässt sich auf der Ebene der Erzählung fragen, ob denn der „zu einer Markthalle“ (2,16) gemachte Tempel ein adäquater Ort der Anbetung von Israels Gott sein kann. Zudem ist in der Zeit, in der Johannes erzählt, der Tempel bereits zerstört. Weder der Gerazim noch Jerusalem ist ein konkreter historischer Ort, an dem Israels Gott angebetet werden kann. Vor diesem Hintergrund entwickelt Jesus seine messianische Alternative, die Judäern und Samaritanern einen Ort in der Geschichte eröffnet.

    Ihr betet an, was ihr nicht kennt, wir beten an, was wir kennen; denn das Heil kommt von den Juden. (Vers 22)

    Ihr habt kein Bewusstsein von dem, was ihr tut. So ließe sich der erste Teil des Satzes zusammenfassen. Im zweiten Teil, in dem es heißt: „Das Heil kommt von den Juden“ positioniert sich Jesus nicht als Judäer gegen die Samaritaner, sondern beruft sich auf die ihnen gemeinsame Perspektive der jüdischen Befreiungsgeschichte. Das Heil kommt aus den ihnen gemeinsamen Traditionen der Befreiung und des darauf gründenden Bundes gegenseitiger Treue. Gott wird da sein auf den Wegen der Befreiung und das Volk soll seinem Gott und seinem Weg der Befreiung treu bleiben. Auf den Wegen von Exodus und Bund haben die Juden ihren Gott kennen gelernt. Sie wissen um ihn, weil es eben nicht um einen unbekannten, einen ‚anonymen‘ Gott geht, sondern um Gott, der Israel erwählt hat und einen Bund mit ihm geschlossen und sich ihm so in einer gemeinsamen Geschichte bekannt gemacht hat. Gott und sein Volk gehören unlösbar zusammen. Rettung gibt es von Gott her, der sich in Partnerschaft an dieses Volk gebunden hat. In dieser Weise gibt es auch durch Jesu Wirken ‚Rettung von den Juden her’, da „der in ihm präsente Gott kein anderer ist als der Gott Israels“[9].

    Wenn Jesus von „wir kennen“ spricht, dann spricht er sowohl aus der Perspektive der Juden und des Erbes der Befreiung, das sie verbindet, als auch aus der Perspektive der messianischen Gemeinde. In ihr ist mit ihrem Bekenntnis zu dem jüdischen Messias Jesus das Heil lebendig, das „von den Juden kommt‘; da der in ihm präsente Gott kein anderer ist als der Gott Israels.“[10]

    Die messianische Gemeinde bezieht also den Satz: „Das Heil kommt von den Juden.“ zugleich auf einen bestimmten Juden: den jüdischen Messias aus Nazaret. Zur Zeit des Johannes ist dieser mit den Juden und Jesus verbundene Begriff ‚Heil‘/Rettung/Befreiung ein politisch höchst brisanter Begriff; denn der Kaiser in Rom beansprucht für das Imperium der Heilsbringer/Retter/Befreier zu sein. Dieser Anspruch verbindet sich mit der Anbetung, der Proskynese, wörtlich damit, vor dem Kaiser zu Boden zu fallen, sich gleichsam vor ihm ‚zum Hund‘ (kynos) zu machen.

    Aber die Stunde kommt und sie ist schon da, zu der die wahren Beter den Vater anbeten werden im Geist und in der Wahrheit; denn so will der Vater angebetet werden. Gott ist Geist und alle, die ihn anbeten, müssen im Geist und in der Wahrheit anbeten. (Verse 23 und 24)

    ‚Die Stunde‘ ist bei Johannes die Stunde der Kreuzigung des Messias und zugleich seiner Verherrlichung durch Gott. In der ‚Stunde‘ seiner Hinrichtung am Kreuz der Römer, „übergab er den Geist“ (Joh 19,20) dem Vater. Sein Weg der Solidarität mit den Opfern römischer Herrschaft und der Treue zu Israels Gott im Widerspruch gegenüber Rom war an sein Zeil gekommen. In diesem Leben ist der Geist, die ‚Inspiration‘ von Israels Gott der Befreiung und der Treue zu denen, die diesen Weg gehen, lebendig. In diesem Geist kann die Macht Roms gebrochen werden. Genau dies hat Israels Gott in der Auferweckung seines von Rom hingerichteten Messias deutlich gemacht. Darin öffnet sich ein Weg der Befreiung für Judäer wie für Samaritaner. Dies wiederum findet seinen Ausdruck darin, dass der Auferstandene, seine JüngerInnen anhaucht und sie den Geist empfangen lässt, der sein Leben bis hinein in seinen Tod am Kreuz der Römer geprägt hat.

    In dieser Perspektive ist die im Namen Jesu versammelte messianische Gemeinde „Ort der Anbetung Gottes“[11]. In ihr ist der Geist lebendig, den Jesus in seinen Abschiedsreden verheißen hat, der Geist, von dem er gesagt hatte: Er „wird euch alles lehren und an alles erinnern, was ich euch gesagt habe“ (Joh 14,25). Diesen „Geist der Wahrheit“ kann „die Welt“, die römische Weltordnung, „nicht empfangen“ (14,15). Er ist mit der Herrschaft Roms nicht in Einklang zu bringen, sondern „Beistand“ (Joh 14,26) für diejenigen, die ihr widerstehen.

    Der neue Ort der Anbetung ist damit zugleich ein neuer sozialer Ort, ein Raum, in dem die erfahrene Befreiung gelebt werden kann. So steht die samaritanische Frau für all diejenigen, die als JüngerInnen in den Gemeinden einen befreienden Raum des Glaubens und Lebens gefunden haben. Hier erfahren sie, dass Jesus „lebendiges Wasser“ ( V10) gibt. Der Raum der Gemeinde ist als Raum derer, die dem Messias Jesus folgen der Raum, in dem mitten in einer Welt des Todes „ewiges Leben“ erfahren werden kann.

    Die Frau sagte zu ihm: Ich weiß, dass der Messias kommt, der Christus heißt. Wenn er kommt, wird er uns alles verkünden. Da sagte Jesus zu ihr: Ich bin es, der mit dir spricht. (Verse 25 und 26)

    Die Frau weiß Bescheid: Damit das alles geschehen kann, muss der Messias kommen. Dann kann der Konflikt zwischen Juden und Samaritern beendet und Israel als Ganzes in der gemeinsamen Erinnerung an „das Heil“, das „von den Juden kommt, aufgerichtet werden. Auf diese Endzeiterwartung der Frau, antwortet Jesus zum ersten Mal mit den Worten „ego eimi“, „ich bin es“, „ich werde da sein“. Johannes gebraucht diese Wendung 24 Mal in seinem Evangelium und erinnert damit an die Offenbarung des  Namens Gottes in Ex 3,14. Der Name Gottes ist mit dem Versprechen verbunden, er werde da sein auf Israels Wegen der Befreiung. Was die Frau für die Endzeit erwartet, ist in Jesus schon da, in dieser Stunde. Wer diese Worte annimmt, für den fängt wirklich ein neues Leben an. Das neue beginnt da, wo die Blockaden im Kopf überwunden werden, wo nicht mehr Juden und Samaritaner zählen, sondern lebendiges Wasser fließt für alle, die im Messias aus Israel den Retter der Welt erkennen.

    Inzwischen waren seine Jünger zurückgekommen. Sie wunderten sich, dass er mit einer Frau sprach, doch keiner sagte: Was suchst du? oder: Was redest du mit ihr? (Vers 27)

    Luise Schottroff hat darauf aufmerksam gemacht, dass eine Interpretation die Jesus im Kontrast zu den Rabbinen sieht, die angeblich nicht mit Frauen reden, zu den alten Topoi „christlichen Antijudaismus“ gehöre[12]. Wenn sich die JüngerInnen wundern, dass Jesus mit dieser Frau redet, wundern sich die JüngerInnen nicht darüber, „daß Jesus mit einer Frau redet“[13], sondern darüber, dass er angesichts seiner Erschöpfung überhaupt noch in der Lage ist zu reden. Auch in der Erschöpfung sucht er eine Begegnung, in der diese Frau die Erfahrung der Befreiung machen kann.

    Die Frau ließ ihren Wasserkrug stehen, kehrte zurück in die Stadt und sagte zu den Leuten: Kommt her, seht, da ist ein Mensch, der mir alles gesagt hat, was ich getan habe: Ist er vielleicht der Christus? Da gingen sie aus der Stadt heraus und kamen zu ihm. (Vere 28 bis 30)

    Bevor die JüngerInnen zurück gekehrt sind, ist alles gesagt und geschehen. Die Frau hat von dem ‚lebendigen Wasser‘ zu trinken bekommen. Nun kann sie den Wasserkrug stehen lassen. Sie kann sich von ihrer Vergangenheit trennen: von der Plage des Wasserschöpfens sowie aus ihrer Verkettung an die Zwangsehen. Sie geht zurück in die Stadt und erzählt den Leuten von ihrer Erfahrung der Befreiung. Sie beginnt selbst zu einer ‚Quelle lebendigen Wassers‘ zu werden, aus der andere trinken können. Am Ende findet sie in der messianischen Gemeinde einen neuen realen Ort, an dem sie aufgehoben ist und leben kann.

    Zusammengestellt von Alexander Just

     

    [1] Wengst, Klaus, Das Johannesevangelium. 1. Teilband: Kapitel 1-10, Stuttgart 2000 (Theologischer Kommentar zum Neuen Testament Bd. 4), 153f. [Wengst, Johannesevangelium]

    [2] Vgl. Ebd., 155.

    [3] Wengst, Johannesevangelium 155.

    [4] Vgl. Luise Schottroff, Die Samaritanerin am Brunnen (Joh 4), in: Auf Israel hören. Sozialgeschichtliche Bibelauslegungen mit Beiträgen von Frank Crüsemann, Jürgen Ebach, Philipp Potter, Luise Schottroff, Dorothee Sölle, Martin Stöhr, Marie-Theres Wacker, Luzern 1992, 115 – 132, hier: 122. [Schottroff, Die Samaritanerin]

    [5] Vgl. Schottroff, Die Samaritanerin 119-122.

    [6] Ebd. 121.

    [7] Veerkamp, Abschied 80.

    [8] Veerkamp, Abschied 80.

    [9] Wengst, Johannesevangelium 165.

    [10] Wengst, Johannesevangelium 165.

    [11] Wengst, Johannesevangelium 166.

    [12] Schottroff, Die Samaritanerin 123f.

    [13] Ebd. 124.